Emmerich Koller
Über die Grenzen: Erinnerungen eines Emigranten aus Ungarn.

Auszug

Dunkle Wolken

Große Aufregung herrschte im Frühjahr 1945 in Pernau, meinem kleinen Dorf im äußersten Westen Ungarns. Die Front rückte näher, die Russenkommen! Angst und Schrecken machten sich breit, sah man doch in den Russen eine weitere wilde Horde aus Asien – und ihr Ruf stand nicht hinter dem der Vorgänger zurück. Die Hunnen, die Mongolen, die Türken – sie alle waren in den vergangenen Jahrhunderten über das Pinkatal hereingebrochen – und ihre Grausamkeit war bekannt. Würden die Dorfbewohner nun wieder zwischen die Mühlen der Geschichte geraten, oder gab es einen Ausweg? Wie hat sich die einfache, wehrlose Landbevölkerung wohl jeweils auf einen einfallenden Eroberer vorbereitet, von dem man allenthalben nur das Schlimmste hörte? Hoffte man auf einen schnellen, gnädigen Tod, oder versuchte man, sich zu verstecken? Wetzten die Männer ihre Äxte und Sensen, oder starben sie, die Mistgabel in der gereckten Faust zur Verteidigung von Frau und Kindern?

Dass man einmal gute Erfahrungen gemacht hatte mit den Russen, während des ersten Weltkrieges, als Kriegsgefangene in unseren Wäldern arbeiteten, das war vergessen. In Krisenzeiten und Zeiten der Angst schießen Gerüchte wie Pilze aus dem Boden. Die neuesten Gerüchte besagten, die Russen wären alle Vergewaltiger, sie würden sich nehmen, was ihnen gefiel, und in Panzern ankommen, die so groß waren, dass sie Bäume und Häuser glatt überrollten. Was tun?

Mein Vater und sein Nachbar, Herr Perlaki, beides junge Familienväter, wägten ihre beschränkten Möglichkeiten ab. Wäre es nicht klug, ein Versteck im Wald zu finden, an dem die Familien abwarten konnten, bis das Schlimmste vorüber war? Die Idee klang gut – das Problem war nur, den rechten Zeitpunkt zu erwischen. Um für den unerlässlichen Sturm gerüstet zu sein, konnte manches aber gleich erledigt werden. So grub Vater ein tiefes Loch im Gemüsegarten, um den "Familienschatz" zu verstecken, darunter auch seinen Hochzeitsanzug. Die Mühe hätte er sich sparen können: Die Russen fanden natürlich auch dieses Versteck. Sie nahmen allerdings nur den Anzug mit und machten damit klar, was sie von den übrigen Familienwertsachen hielten.

Mehr und mehr häuften sich die Anzeichen der bevorstehenden Katastrophe. Seit Monaten hatte man das ständige Dröhnen der britischen und amerikanischen Bomber gehört, die auf ihren Einsätzen weit nach Ungarn, Rumänien und Jugoslawien hinein flogen. Eines Nachts hat ein deutscher Jagdflieger einen Bomber abgeschossen. Die Dorfbewohner wurden durch einen ohrenbetäubenden Lärm geweckt. Ein brennender Bomber kreiste beängstigend tief über dem Dorf, als würde er die Dunkelheit nach einem geeigneten Landeplatz absuchen. Einen kurzen Augenblick überflog er unser Haus, in Richtung Wald. Dann eine Explosion – und das Flugzeug stürzte in den Wald. Urplötzlich wurde die Nacht wieder still – doch starben unweit von uns Menschen einen qualvollen Tod!

Gleich nach der Explosion liefen die Leute vom Dorf in den Wald, zur Absturzstelle. Franz, mein ältester Bruder, rannte mit. Er kam zurück mit der bestürzenden Meldung, man habe drei Leichen in dem brennenden Wrack gefunden. Zwei Besatzungsmitglieder seien abgesprungen und fast genau auf dem brennenden Wrack gelandet. Einer hatte schlimme Brandwunden, der Fallschirm des anderen hatte sich in Baumästen nahe der Absturzstelle verheddert. Als die Leute aus dem Dorf die Absturzstelle erreichten, hing er nur noch leblos am Fallschirm. Die Toten und das schwer verletzte Besatzungsmitglied wurden in die Kaserne gebracht, die direkt gegenüber von unserem Haus lag. Der Dorfarzt tat, was er konnte, um dem Verletzten zu helfen, und verband ihn von Kopf bis Fuß. Meine älteste Schwester Anna hatte eigentlich auch zur Absturzstelle gehen wollen, aber unsere Mutter, die dieser Absturz sehr mitgenommen hatte, ließ sie nicht von ihrer Seite.

Am nächsten Morgen war Anna dann auch unter den Kindern und den Erwachsenen, die sich um den bedauernswerten Mann auf seiner Bahreversammelten. Sie versuchten herauszufinden, ob er noch lebte. Herr Schneider, einer unserer Nachbarn, zwickte ihn in die Zehe. Tatsächlich reagierte er leicht. Später am Vormittag kam dann ein Militärlaster, um den verletzten Überlebenden des B-24-Liberator-Bombers in die 15 Kilometer entfernte Stadt Steinamanger/Szombathely zu bringen. Die vier Toten wurden im örtlichen Friedhof begraben. Zwei Besatzungsmitglieder waren geflohen, bevor die Dorfbewohner die Absturzstelle erreichten. Sie wurden aber bald gefasst und kamen in Kriegsgefangenschaft.

Am 4. März 1945 war Steinamanger dran: Ein US-Bomber warf vier Bomben auf den barocken Dom ab, was beträchtlichen Schaden verursachte. Natürlich hatte dieses Kulturdenkmal, wie so viele andere, die den Bomben der Alliierten zum Opfer fielen, keinerlei strategische Bedeutung. Die massive Zerstörung überall und der Tod vieler Menschen, den diese Bombenangriffe verursachten, sollten die Bevölkerung bestrafen und demoralisieren. Der "totale Krieg," den Hitlers Propagandaminister Goebbels nach der verheerenden Niederlage von Stalingrad ausgerufen hatte, kam nun über das Dritte Reich und seine Verbündeten. In Pernau hatte man von der massiven Bombardierung deutscher Städte gehört. Man berichtete auch, dass am 13. Februar Dresden mit einem Bombenteppich aus Brandbomben belegt worden war und nicht mehr viel übrig war von der Stadt. Im Radio hörte man, dass Zehntausende von Menschen verbrannt waren.

Pernau wäre sicher auch bombardiert worden, wenn die Alliierten gewusst hätten, dass die Deutschen im Oktober 1944 eine wichtige Richtfunkstation hier eingerichtet hatten. Auch eine Sanitätseinheit arbeitete von Pernau aus. Ein paar deutsche Offiziere, die hierfür verantwortlich waren, waren in Großvater Schrammels Haus einquartiert. Tante Resi, damals im Backfischalter, erinnert sich heute noch, wie stolz die Offiziere daherkamen in ihren schwarzen Uniformen und den blank gewienerten Stiefeln. Offensichtlich hatten sie, obwohl die deutsche Wehrmacht bereits auf dem Rückzug war, nichts von ihrer arroganten Herrenrassenhaltung verloren.

Im Großen und Ganzen blieben die Deutschen im Hintergrund und ließen ihre ungarischen Helfer die Drecksarbeit machen, wie die Gefangenen zu bewachen oder die Arbeitseinsätze zu organisieren. Unter ihrer Aufsicht wurden die Männer des Dorfes gezwungen Panzergräben an der Grenze zwischen den österreichischen Dörfern Höll und Deutsch Schützen – nicht ganz einen Kilometer westlich von Pernau – auszuheben. Ganz in der Nähe stand hier vor Jahrhunderten ein Zisterzienserkloster. Ungarische Soldaten ließen auch jeden Morgen rumänische Kriegsgefangene an unserem Haus vorbei zum Arbeitseinsatz marschieren – sie gruben Bunker im nahe gelegenen Wald. Wenn sie sich am Abend müde von der harten Arbeit eines langen Tages wieder an unserem Haus vorbei zurückschleppten, stand Großmutter mit einem Eimer gekochter Kartoffeln am Hoftor – eigentlich war das als Schweinefutter gedacht. Die völlig ausgehungerten Gefangenen fassten in den Eimer, nahmen sich eine Handvoll Kartoffeln, und stolperten weiter.

Etwa zwei Wochen vor Ostern war zu spüren, dass das Kriegsende nun wirklich nahte. Es war ein Endzeitszenario. Unsere rumänischen Kriegsgefangenen waren plötzlich verschwunden, und viel Verkehr herrschte nun auf der Hauptstraße Richtung Österreich. Ganze Kampfverbände der deutschen Wehrmacht und Hunderte von Volksdeutschen wollten auf der Flucht vor den anrückenden Russen nach Westen entkommen. Rund um die Uhr zog eine endlose Karawane von Lastwagen, Motorrädern, Pferdefuhrwerken, Panzern und anderem Kriegsgerät die Straße hinunter.

Das Koller'sche Wohnhaus lag nicht an der Hauptstraße, also sahen wir nicht allzu viel von diesem Riesenrückzug. Bei uns hatte man die eigene Sicherheit im Sinn und traf Vorbereitungen, sich zur Rettung im Wald zu verstecken. Am Donnerstag vor Ostern luden die Kollers und die Perlakis ihre Kinder, mitsamt Decken, Kissen, einigem Kochgeschirr und Lebensmitteln auf ihre Heuwägen, spannten die Kühe an, und fuhren los. Wir zogen an einen "sicheren" Ort tief im Wald. Dort angekommen, lichteten die Männer das Unterholz und errichteten an einem kleinen Bach mit klarem, sauberem Wasser ein Notlager. Holz gab es genug für tausend Lagerfeuer. Aber wie hatten wir nur den Schinken vergessen können! Den einzigen, der vom vergangenen Herbst noch übrig war, und der eigens für Ostersonntag aufgehoben wurde? Großmutter ging schnell noch mal zurück, um den Schinken aus der Räucherkammer zu holen. Wir waren zwar im Versteck, aber Ostern musste doch richtig gefeiert werden.

Während wir also Gründonnerstag und Karfreitag im Wald versteckt waren, geschah etwas Schreckliches, das erst bei Einmarsch der Russen entdeckt wurde. Karfreitag war in Pernau, im Gegensatz zu den übrigen Tagen dieser Woche, ein eher ruhiger Tag gewesen. Der große Rückzugsstrom war nach und nach verebbt. Am Nachmittag aber marschierte ein letztes Kontingent die Hauptstraße entlang – ein ganz besonderes: Mit aufgesetztem Bajonett trieben vier Soldaten in SA-Uniform etwa 80 Männer durchs Dorf. Die Gefangenen waren in Fetzen gekleidet. Sie waren noch nur Haut und Knochen, und stolperten total entkräftet dahin auf ihrem Weg nach Österreich. Zwei Tage später, als die Russen das Gebiet einnahmen, fand man 57 von ihnen, alles jüdische Zwangsarbeiter, in den Panzergräben, die die Männer des Dorfes ausgehoben hatten, nahe der Martinskirche bei Deutsch Schützen. Man hatte sie alle massakriert. Die Russen brachten den Bürgermeister und zwei örtliche Nazigrößen aus Deutsch Schützen an den Ort des Massakers; sie sollten es mit eigenen Augen sehen. Die Russen fragten die drei Männer, ob das etwa ihre "Kultura" sei? Dann wurden die drei verprügelt, aber nicht getötet.

Was war geschehen? Bald nachdem die österreichische Grenze passiert war, hatten sich die SA-Wachen aus dem Staub gemacht und ihre Gefangenen unbewacht zurückgelassen. Mitglieder der Hitlerjugend aus Deutsch Schützen übernahmen auf Geheiß ihres Jungscharführers die Wache. Sie übergaben ihre Gefangenen dann ihren Mördern: drei Männern der Waffen-SS- Division Wiking und fünf Feldjägern.

Diese 57 ermordeten ungarischen Juden gehörten zu den Zehntausenden, die in den letzten Kriegstagen von Ungarn ins österreichische Konzentrationslager Mauthausen verschleppt wurden. Nicht weniger als 23.000 wurden auf diesen Todesmärschen umgebracht. Wer nicht mehr weiterkonnte, wurde erschossen und blieb im Straßengraben liegen. Die Leichen wurden dann von Lastern aufgelesen oder gleich am Straßenrand von Dorfbewohnern begraben. Man weiß, dass Mitglieder der Hitlerjugend, viele erst 16 Jahre alt, an diesen Morden teilgenommen haben. Zehn Jahre später wurden die ehemaligen Hitlerjungen aus Deutsch Schützen wegen Teilnahme an mehrfachem Mord zu Freiheitsstrafen zwischen fünfzehn Monaten und drei Jahren verurteilt – eine lächerlich milde Strafe! Die SS-Leute und die Feldjäger konnten nicht ausfindig gemacht werden (Lappin 2004: 25, 37).

Über das Massaker bei Deutsch Schützen wurde nie viel geredet. In der 1971 erschienenen Festschrift zum 750-jährigen Bestehen des Ortes ist der Vorfall nicht einmal erwähnt. Das Einzige, was ich als Kind darüber hörte, war ein (falsches) Gerücht, das besagte, dass Zigeuner durchs Dorf getrieben und auf der österreichischen Seite ermordet worden seien. Die traurige Wahrheit aber bleibt: Dass der Ort, an dem einstmals gottergebene Mönche eines sehr strikten Ordens das Beste an der westlichen Zivilisation verkörperten, zum Schauplatz eines Verbrechens geworden war, begangen von Angehörigen eines Schreckensregimes, das das Schlimmste an der westlichen Zivilisation verkörperte. Als ich bei meinen Nachforschungen zur Geschichte Pernaus zum ersten Mal von dem ehemaligen Zisterzienserkloster hörte, machte mich das sehr froh und stolz – umso schockierter war ich, als ich dann erfuhr, dass auch dort das Böse Einzug gehalten hat.

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